Nora arbeitete als Kellnerin. Ich schlug mich mit Gelegenheitsjobs durch, bis ich eine feste Anstellung in einem Gebrauchtbuchladen fand. Wir blieben in Kontakt, wie es nur Menschen können, die gemeinsam etwas durchgestanden haben.
Als sie erfuhr, dass sie schwanger war, rief sie mich weinend an – vor Freude.
„Ollie, ich bekomme ein Baby“, sagte sie. „Du wirst Onkel.“
Ich hielt Leo zum ersten Mal nur wenige Stunden nach seiner Geburt im Arm. Seine Fäustchen waren winzig und faltig, sein dunkles Haar weich, seine Augen mussten erst noch lernen, scharf zu sehen.
Nora wirkte gleichzeitig erschöpft und strahlend. Als sie ihn mir in die Arme legte, öffnete sich etwas in mir.
„Herzlichen Glückwunsch, Onkel Ollie“, flüsterte sie. „Du bist offiziell der coolste Mensch in seinem Leben.“
Sie zog Leo allein groß. Sie erwähnte seinen Vater nie, und wann immer ich vorsichtig fragte, wandte sie den Blick ab.
„Es ist kompliziert“, sagte sie leise. „Vielleicht erkläre ich es dir eines Tages.“
Ich habe nicht weiter nachgehakt. Nora hatte schon genug Schmerz ertragen. Wenn sie bereit war, würde ich ihr zuhören.
Bis dahin tat ich, was Familie eben so tut – ich war da. Ich half beim nächtlichen Füttern und Windelwechseln. Ich brachte Lebensmittel mit, wenn das Geld knapp war. Ich las ihr Gutenachtgeschichten vor, wenn sie schließlich vor Erschöpfung zusammenbrach.
Ich war bei Leos ersten Schritten, seinen ersten Worten, jedem Meilenstein dabei. Nicht als sein Vater, sondern als jemand, der seiner besten Freundin einst versprochen hatte, dass sie niemals allein durchs Leben gehen würde.
Doch Versprechen schützen nicht vor dem Schicksal.
Vor zwölf Jahren, als ich 26 war, klingelte mein Telefon um 23:43 Uhr.
Halb im Schlaf nahm ich den Anruf entgegen. Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine fremde Person.
„Ist da Oliver? Ich rufe aus dem Krankenhaus an. Ihre Nummer hat mir Noras Nachbarin gegeben. Es tut mir sehr leid, aber es hat einen Unfall gegeben.“